Das Projekt


wie unterschiedlich nehmen zwei künstlerinnen ein jahr wahr?

dieser fragestellung folgten wiebke wemmel und maike spieker und dokumentierten jeden tag des jahres 2007. ihr selbst erstelltes regelwerk gab ihnen dabei die form vor: der kreis, der den tag am treffendsten charakterisierte, wurde fotografisch porträtiert - in einer trickfilmsequenz von 1 bis 30 einzelbildern.

die geheimhaltungspflicht ihrer aufzeichnungen der jeweils anderen gegenüber darf nach ablauf des dokumentierten jahres nun gebrochen werden.
die künstlerinnen führen die beiden versionen des jahres zusammen.

FEB 28 GLASSCHÜSSELN




Offensichtlich kann ich einen ganzen Monat ohne eine einzige kleine Schüssel im Haushalt auskommen. Was mir bestätigt: Ich umgebe mich immer noch mit viel zu viel Materie. Und tatsächlich geht es um die Überwindung von Zwangsvorstellungen. Wie zum Beispiel meiner Kreis-Besessenheit, die sich langsam auswächst. Ich merke, dass ich bewusster in meinem Projekt arbeite. Dieses Jahr ist eine großartige Gelegenheit.

FEB 27 SCHINDELTONNE




Vor meinem Schlafzimmerfenster hängt ein gelber Tonnen-Schlauch, durch den die alten Dachziegeln unter die Containerabdeckung rutschen und poltern. Scheinbar ist für mich die Zeit zwischen sieben und halb acht nochmal eine der erholsamsten. Hatte ich heute dann nicht. Eine Tonne hat nicht mehr gepasst und stand auf der Straße. Die Befriedigung darüber lässt mich den Tag ertragen.

FEB 26 ASTLOCH




Erst heute fiel mir auf, dass der Baumfilm sich auf konsolidiertem Holz abspielt. Von der Absurdität dieser Entdeckung geplättet plane ich die nächste größere aufwendige Szene, in der ein Baum einen seiner Äste überschwänglich loswerden will. Ich komme weniger weit als ich hoffte, war so frohen Mutes gewesen, den ganzen Tag hatte ich innerlich dem Regisseur-Dasein gewidmet. Stecke dann doch im Holz fest.

FEB 25 RÄTSELHEFT



Ich stehe tatsächlich im Kiosk gegenüber und frage ihn nach einem Rätselheft. Doch er wartet nur ungeduldig auf meine Entscheidung. Vielleicht hatte ich ein Beratungsgespräch erwartet, das ich über mich ergehen lassen könnte, um mit meiner Irritiertheit weniger aufzufallen. Mein Tageskreis ist inszeniert, ich suche fieberhaft nach einem Kreis um einen Buchstaben des Lösungswortes. Ich brauche dieses Bild. Die Menschheit hat sich aber offenbar aus dem Kosmos rausentwickelt, in dem ich mich befinde: sowas gibts nicht mehr. Dann die altmodischste unter den modernen Varianten.

FEB 24 YIN YANG



Die alte Diskussion über die unzureichende Aufteilung der Welt in mir bekannte Konzepte weitet sich auf Lebens-Führungs-Strategien aus. Nach tagelangem Forschen, Gruppieren und Erklärungsmangel erschließt sich mir plötzlich meine manipulative Gesinnung mir selbst gegenüber. Leben ist Hochleistungssport. Dieses Thema drängt sich mir förmlich wieder auf, als ich Roberta nach getaner Arbeit am Trickfilm zum Feierabend-Bier abhole.

FEB 23 SAUNATASCHE



Wenn der Körper durch eine Krankheit geschwächt ist, sollte man nicht in die Sauna gehen. So heisst es. Beim abwägenden Packen meiner Saunatasche entdecke ich den Weihnachtsschmuck vom letzen Mal Sauna mit Sonia. Ich haue den Knoten durch. Heute wollen meine Atemwege mit heisser, feuchter Luft verwöhnt werden. Der andere Dampfbad-Besucher verwöhnt sich mit Daumen und Zeigefinger, bis ich ihn darauf hinweise, dass ich nicht entspannen kann, wenn er sich einen runterholt. Ich frage mich, aus welchen dunklen Ecken die Leute ihre Einfälle rauskramen.

FEB 22 GELBER SCHLEIM



Wenn das zukünftige Obst keine Vitamine hat und jeder Mensch seine Kläglichkeit mit trockenen Drogen überpudern muss, weil alle mit chronischen Infektionen zu leben haben werden, die es ihnen nicht ermöglichen, ihr volles Potential auszuleben, die sie schwächen und kleinhalten, sie nicht denken lassen, dann verschwende ich meine Zeit mit unwichtigen Details. Dann sollte ich ohne Umschweife an vorderster Front der Erforschung von Methoden widmen, die diesen Zustand wieder lebenswert machen.

FEB 21 BIERGLAS




Ich weiss ja nicht, was ich denke, bevor ich nicht höre, was ich sage. Zum erfolgreichen Bestehen eines Stammtisch-Abends wird profund um die Wette postuliert. Es gilt, kürzliche Erkenntnisse als langerprobte Weisheiten weiterzugeben, um den Eindruck zu vermitteln, eine Richtung zu haben. Hier muss mein Tageskreis platziert werden. Als mein praxisbezogener Aufschrei, Gruppen-Schlusswort und Theoriebestätigung, dass das Leben aus einer Aneinanderreihung von Highlights und Lowlights besteht, von denen keines aussortiert wird, obwohl man sich dagegen sträubt. Überraschend, dass mir zugehört wird.

FEB 20 MOUSEPAD



Urlaub zu Hause mit Antibiotikum heisst stumpf vorm Rechner sitzen und der alten Mausunterlage überdrüssig zu sein. Es ist wie verhext, denn sie ist kreisförmig - auch das noch. Wie lange soll denn dieses Rumgeeiere noch andauern? Ein Spaziergang in die Stadt klärt die Laune etwas. Meine neue Unterlage ist viereckig und rot, der Tageskreis ist das verdiente Ruhestandsfoto.

FEB 19 TANNENZWEIGE



Endlich kann ich mir einen Ruck geben und zumindest die vor Jahrhunderten angefangene Szene mit der Kamerafahrt um den fliegenden Projektor beenden. Es fühlt sich an wie Schorf abkratzen. Merkwürdige Wunde, die nur dadurch heilen kann, dass man sie ausbluten lässt. Sechs Fotos in drei Stunden schaffe ich, dann hab ich weiche Knie. Mein Körper kann noch nicht so.

FEB 18 KAMELLE



Ich bin entsetzt, soweit zu sein, dass ich den größten Karnevalsumzug Norddeutschlands im Fernsehen begleite. Sie reden von attraktiver Altstadt. Sie reden überhaupt ne Menge Mist. Was ist denn bloß los? Die Sonne scheint doch. Frustrierend, so handlungsunfähig zu sein. Treffe Roberta, die in fotografischer Hochform ist. Für mich bitte einmal frische Luft.

FEB 17 RAUCH



Leben und Sterben in der Küche. Ein erster Vorgeschmack aufs Altsein. Der einzige Gang des Tages zum Kaufmann an der Ecke. Immer wieder die gleichen Leckereien. Hat sich bewährt. Schmeckt mir normalerweise. Erstickende Routine. Der bleibende Eindruck von der Außenwelt, bevor es zurück in die Höhle geht: zu kompliziert, ich komm nicht hinterher, never have been, never will be.

FEB 16 SUPER



Es reicht mir mit der Sekretproduktion. Ich geh nochmal zum Arzt. Jeden Morgen bin ich wie weichgekocht. Das hört jetzt auf. Auch wenn der Karneval dafür geopfert werden muss. Mit den besten Absichten und in freundlicher Kampfhaltung den Zuständen gegenüber nehme ich sogar die Warnung vor dem Milchprodukteverzehr zur Kenntnis.